|
Bazon Brock lernt das
Rettungskomplett kennen
und baut darauf den Begriff in seinen "Lustmarsch durchs Theoriegelände" ein; leider fehlerhaft und das hat dann zu seinem Grubenunglück geführt hat.
Vom Sorgenkind zum Wundergreis – Bazon Brock zieht Bilanz zum Siebzigsten und sammelt Grabbeigaben für seine Generation. Lustmarsch durchs Theoriegelände - Ästhetik einer schweren Entdeutschung - Souverän ist, wer den Normalfall garantiert - Mit Liturgien und Performances der Memorialmiliz.
Bezug auf Brocks Teilnahme an Mohammed Müllers Tunnelprojekt Graz-Windisch Gräz, getragen von der fabelhaften Werkstadt Graz des Joachim Baur; Brocks Begründung der Neuroästhetik, Steierischer Herbst 1979, TV-Besucherschulen mit dem ORF/Graz:
Die Richtung weist der Sturm aus der Zukunft, den wir Alter nennen – also immer gegen den schärfsten Wind, das zeigt den Weg. Unsere Optionen: eingraben, panzern, rückwärts gehen mit verstärkter Körpermasse (Fettleibigkeit weist auf Lebensängste, man expandiert zum Hindernis).
Das sind schöne Bilder von Rettungskompletts wie Notquartiere, technische Hilfswerke, Suchhundtrupps und blütenweiße Rot-Kreuz-Schwestern. Aber die stärkste Kraft des Widerstands ist das Ja-sagen – gerade zu den schwersten Herausforderungen Ja-sagen (meinte Friedrich). Den offensichtlichen Widerstand vereinnahmt das Regime mit Toleranzpathetik – aber totale Zustimmung überwältigt. „Dienst nach Vorschrift“ ist der erfolgreichste Widerstand. Die grauenerregende Gorgo wird nur durch ihre eigene Zerstörungskraft bezwungen. Das nennt man negative Affirmation oder die Revolution des Ja. In historischer Sprache: der Charme der Österreicher ist purer Widerstand.
Brock führt täglich das Publikum mit einem 60minütigen Gewaltmarsch und einem 240minütigen Lustmarsch durch alle Themenfelder. Für die Teilnehmer der Lustmärsche (4 Stunden) ist jeweils ein Essen vorgesehen, das die Tagesschwerpunkte assoziiert. An jedem Präsentationsort werden hoffentlich je ein Freund und ein Feind der Brockschen Arbeit mit ihm einen Diskurs führen – Veranstalter der Diskurse ist der seit 1988 eingetragene Verein „Helfen sie mit, Bazon Brock zu lieben“ e.V. Bonn. Zu jeder Themeneinheit gibt es das Angebot eines multiplen theoretischen Objekts/kognitiven Objekts für den Museumsshop:
· Demonstrierte Selbstbezüglichkeit – das Bürsten der Bürsten. · Rohr und Rebe · Goldflecken im Bett / Liebe eines Literaten · Beten im Museum verboten! · Gorgonisiert Euch! · Buddhistenstiefel · Goldene Eßstäbchen · Nietzsches Gäule · Schmückende Uchronie · Sfumato-Horizont · Urmeter aus Gummi
Bazon Brock im Detail
1. Die Normative Kraft des Kontrafaktischen | Karfreitagsphilosophie | Der Faschist als DemokratThementotem und Performancerahmen für ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe
„Wenn die Wirklichkeit nicht mit unseren Konzepten übereinstimmt, umso schlimmer für die Wirklichkeit; jetzt erst recht!“, bekennen wir pathetisch – das nennen wir idealistisch – und huldigen der Gesetzeskraft des Kontrafaktischen, des Ausgedachten, der Fiktionen mit dem Bekenntnis: Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Aber dem Karfreitagspathos der Gottesmörder folgt immer ein österlicher Katzenjammer. Ihn bezeugt gegenwärtig das westliche Demokratieverständnis, dem zufolge es nicht das gleiche ist, wenn zwei dasselbe tun. Also bloß kein schlechtes Gewissen bei Angriffskrieg, Eugenik, Euthanasie, Vertreibung als Partizifizierung, Verwaltungshaft als Schutzhaft, wie sie insgesamt von veritablen Demokratien gerechtfertigt werden. Der „Wandel durch Annäherung“ war so erfolgreich, wie er uns lieb war. Wir haben uns also bei vollem politischen Bewußtsein den totalitären, fundamentalistischen Regimen weitgehend anverwandelt.
2. Fininvest – Gott und MüllThementotem und Performancerahmen für Schirn Kunsthalle Frankfurt
Bezug auf Brocks Beiträge zur Experimenta 1, 2 und 3; Performances in den Galerien dato Loehr und Sydow; 10 Jahre Kunstmarkt Besucherschulen, Donnerstagsmanifeste, Bloomsdayfeiern
Der Atompilz, das Gehirn am Stängel, garantiert
Ewigkeit; Gott ist nicht mehr eine Frage des Glaubens, sondern der
Endlagerungssicherheit. 15.000 Jahre Kulturdauer (kleinste Halbwertzeit) hat
bisher keine Macht garantiert, aber wir. Wir bauen Kathedralen für den
strahlenden Müll mitten in unsere Städte. Das Containment erproben die
Museen, die Rituale entwickeln Performance-Künstler, die Liturgien entnehmen
wir der Beteiligung an der universitären Selbstverwaltung.
3. Musealisierung als ZivilisierungsstrategieAvantgarde – Arriéregarde – Retrograde - Thementotem und Performancerahmen für Museum Ludwig, Köln
Bezug auf diverse Ausstellungen als Konfrontation der Avantgarden mit der Kunstgeschichte und die Themen der Kölner Konferenz für Kunsttheorie 1972; Performances in der Galerie Zwirner; diverse Filme und Hörspiele zu Action Teachings mit dem WDR
Die Betonung des Neuen in allen Kunstavantgarden ist
eine Herausforderung, die häufig durch Aggression, Leugnung oder Flucht des
Publikums erledigt wird. Professionalisierte Betrachter gehen vernünftiger
vor. Wenn das Neue wirklich neu ist, ist es ja unbestimmt, also kann man von
diesem unbekannten Neuen nur mit Bezug auf das bekannte Alte sprechen. Wer
sich dazu etwa durch die deutschen Expressionisten anregen ließ, sah einen
Maler des Barocks wie El Greco mit völlig neuen Augen. El Greco wurde
gleichsam zum Zeitgenossen der Expressionisten. Die gesamte Moderne ist in
dieser Vergegenwärtigung von Vergangenheiten als höchst bedeutsame
Erweiterung der gegenwärtigen Ressourcen extrem erfolgreich gewesen.
Avantgarde verabschiedet sich nicht aus den Traditionen, sondern hält sie in
immer neuer Sicht präsent.
4. Selbstfesselungskünstler gegen SelbstverwirklichungsbohémeThementotem und Performancerahmen für Kestnergesellschaft, Hannover
Bezug auf Brocks Besucherschulen zu den Kasseler Documenta-Ausstellungen 1968, 1972, 1977, 1982, 1992 und Hannover-Aktionen 1963, 1965, 1967
Seit 1968 hat Brock zahllose Besucherschulen in Ausstellungen geboten. Zwei Gedanken sind maßgeblich: Wer eine Auswahl von Werken als kuratorische Leistung beurteilen soll, muss die Werke kennen, die vom Kurator nicht in die Ausstellung aufgenommen wurden. Eine Besucherschule repräsentiert in einer Ausstellung die nicht gezeigten Werke. Das ist keine bloße Paradoxie, sondern als Zeigen des Nichtgezeigten eine grundlegende Erkenntnisleistung für jedes Urteil über das Gezeigte. Mit den Besucherschulen folgt Bazon Brock auch dem nahe liegenden Gedanken, daß die Zuschauer, Betrachter, Zuhörer, Besucher (wie Patienten, Konsumenten, Wähler) im gewissen Grade professionalisiert werden müssen, damit sie als Partner der Künstler überhaupt infrage kommen (wie als Partner der Ärzte, der Produzenten und der Politiker). Besucherschulen professionalisieren also das Publikum. Seit 1965 leitete Brock in Kunsthochschulen Klassen für Zuschauer, Besucher, Zuhörer als Gegengewicht zu den künstlerischen Selbstverwirklichungsanleitungen in den Künstlerklassen.
5. Leben als Rettungskomplett – Scheitern als VollendungSchönheit des Häßlichen
Bezug auf Brocks Kooperation mit Heiner Mühlmann: „Die Natur der Kulturen“ und Wuppertal, „24 Stunden“ Happening 1965, Lehrtätigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal, Ausstellungen im Von der Heydt-Museum, Wuppertal
Thementotem und Performancerahmen für Von der Heydt-Museum, Wuppertal
6. Rettungskomplett – Gorgonisiert euch!Revolution des Ja. Thementotem und Performancerahmen für Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz Bezug auf Brocks Teilnahme an Mohammed Müllers Tunnelprojekt Graz-Windisch Gräz, getragen von der fabelhaften Werkstadt Graz des Joachim Baur; Brocks Begründung der Neuroästhetik, Steierischer Herbst 1979, TV-Besucherschulen mit dem ORF/Graz
Die Richtung weist der Sturm aus der Zukunft, den wir Alter nennen – also immer gegen den schärfsten Wind, das zeigt den Weg. Unsere Optionen: eingraben, panzern, rückwärts gehen mit verstärkter Körpermasse (Fettleibigkeit weist auf Lebensängste, man expandiert zum Hindernis). Das sind schöne Bilder von Rettungskompletts wie Notquartiere, technische Hilfswerke, Suchhundtrupps und blütenweiße Rot-Kreuz-Schwestern. Aber die stärkste Kraft des Widerstands ist das Ja-sagen – gerade zu den schwersten Herausforderungen Ja-sagen (meinte Friedrich). Den offensichtlichen Widerstand vereinnahmt das Regime mit Toleranzpathetik – aber totale Zustimmung überwältigt. „Dienst nach Vorschrift“ ist der erfolgreichste Widerstand. Die grauenerregende Gorgo wird nur durch ihre eigene Zerstörungskraft bezwungen. Das nennt man negative Affirmation oder die Revolution des Ja. In historischer Sprache: der Charme der Österreicher ist purer Widerstand.
7. Uchronie – Extratemporale Zonen - EwigkeitsmanagementThementotem und Performancerahmen für Haus der Kunst, München Bezug auf Brocks Münchener Performance „Selbsterregung – eine rhetorische Oper zur Erzwingung der Gefühle“, 1989
Die menschlichen Leben unterliegen zwei Regimen: dem Regime der
Zeitlichkeit und dem Regime der Ewigkeit. Im ersten Regime regiert die
Strukturierung der Zeit nach Stunden und anderen kalendarischen Strukturen.
Das zweite Regime versucht die Spuren des menschlichen Lebens der Zeitfurie
des Verschwindens zu entziehen und dauerhaft zu bewahren in Tempeln,
Archiven und Museen. Dabei wird das Walten der Zeit an dem gemessen, was in
den uchronischen, den zeitfreien Zonen unverändert bleibt, und die
Ewigkeitsstandarts werden an dem Wandel der Zeiten geeicht.
8. Eine schwere Entdeutschung – Widerruf des 20. JahrhundertsThementotem und Performancerahmen für Contemporary Fine Arts, Berlin Bezug auf Brocks „Im Gehen Preußen verstehen“, 1981 ff; Ausstellungen, Filme, Action Teachings im IDZ, SFB, auf Festwochen DHM
In zahlreichen Ausstellungen, Büchern, Filmen und Action Teachings hat Bazon Brock das Forum Germanorum, „das Troja unseres Lebens zwischen Landwehrkanal, Anhalterbahnhof, Kochstraße, Wilhelmstraße, Potsdamer Platz, Saarlandstraße“ durchforscht, Quadratmeter für Quadratmeter. Zunächst anhand Nietzsches Anleitung: „ehrwürdig und heilbringend wird der Deutsche erst dann den Nationen erscheinen, wenn er gezeigt hat, daß er furchtbar ist und es doch durch Anspannung seiner höchsten und edelsten Kunst- und Kulturkräfte vergessen machen will, daß er furchtbar war“. Diese Ehrwürde und Heilsbringung können wir nicht mehr reklamieren. Dann also mit Axel Springer aus der Apsis der Jerusalem-Kirche: Statt mit Wagner und Herzl versuchen wir es noch einmal mit Mendelsohn und Mendelsohn.
9. Pathosinstitut AZ – OpferolympiadenThementotem und Performancerahmen für Museum der bildenden Künste, Leipzig Bezug auf die Leipziger Montagsdemonstrationen
Gegenwärtig scheint sich individuelles wie soziales Pathos aus dem Wettbewerb um die tragischsten Opferrollen zu ergeben. Der gewünschten Victimisierung entspricht eine gleichzeitig beobachtbare durchgehende Infantilisierung der Gesellschaft durch lustvolle Identifikation mit schuldunfähigen Kindern in Konsumparadiesen. Der Weigerung, erwachsen zu werden, also Verantwortung zu übernehmen, ließe sich entgegentreten, indem man übt, sich mit den Tätern zu identifizieren. „Niemals wieder Opfer sein“, das ist tatsächlich AZ, der Andere Zustand der Autonomie.
10. Der verbotene Ernstfall – Die GottsucherbandenThementotem und Performancerahmen für Perforum – Seedamm Kulturzentrum, Pfäffikon/Zürich Bezug auf Brocks Aktionen und Ausstellungen seit 1957 in Basel, Bern und Luzern und die Research Family „Kultur und Strategie“, 1997 ff
Die bekannteste Erzwingungsstrategie des Absoluten heißt: Wir wollen Gott
und damit basta. Weltweit hat man inzwischen verstanden, was dieser
Fanatismus der Gottsucherbanden anrichten kann. Dabei fühlen sich die
Gottsucherbanden durch ihre Kulturen und Religionen legitimiert, Prophetien
und Programme wortwörtlich zu nehmen. Dagegen wurde Aufklärung über
Dogmatiken und Wahrheitsradikalität entwickelt, die wir als Zivilisierung
der Kulturen zuerst gegen unseren eigenen Anspruch auf exklusive kulturelle
Identität vorantreiben müssen.
11. Kunst als Evidenzkritik – Erkenntnisstiftung durch kognitive ObjekteThementotem und Performancerahmen für Sammlung Falckenberg, Hamburg Bezug auf Brocks Action Teachings, Ausstellungen, Filme im NDR, an HBK Hamburg, im Kunstverein Hamburg
Werbung für Produkte, Propaganda für Parteien oder Kirchen zielen darauf ab, dem Adressaten eine eigene Augenscheinbestätigung für eine Behauptung nahezulegen. Aber jeder Richter, jeder Arzt, jeder Wissenschaftler weiß, wie vorsichtig man mit Augenzeugenschaft, mit Sinnfälligkeit umgehen muss. Seit 600 Jahren sind die bildenden Künstler darauf spezialisiert, den Augenschein zu problematisieren, also behauptetet Evidenz zu kritisieren – aber nicht nach dem Muster der religiösen Bilderverbote, sondern als Darstellung des Undarstellbaren, also als Bilder des Bilderverbots. Nur das Falsche ist als das erkannte Falsche noch wahr – Nichtnormative Ästhetik der Fakes: Wenn auch niemand, der sich der Aufklärung verpflichtet, Wahrheit als Letztbegründung in Anspruch nehmen wird, muss der doch nicht auf den Bezug zur Wahrheit, Schönheit und Gutheit verzichten und in Beliebigkeit versinken. Es genügt, etwas als falsch, häßlich oder bösartig zu erkennen; denn die Aussage „dies kann keine unbedingte Geltung haben“, ist ja wahr. Fakes sind Artefakte als Produkte oder Kunstwerke, die bewußt signalisieren, daß sie bloß häßlich, fragmentarisch, banal, beliebig etc. sind, um dem Betrachter zu bedeuten: Wenn du etwas kaputt nennst, mußt du denknotwendig den Begriff des Heilen bilden, wenn dir etwas häßlich erscheint, mußt du dich denknotwendig an der Schönheit orientieren, auch wenn eben diese Ganzheit, Schönheit, Wahrheit nirgends in absolut verbindlicher Weise vorgegeben |