|
00255 |
|
Von der Kunst der Annäherung Gebrauchsanleitung zu Khatdtd an-Nimsaawiiy
Khatd bedeutet "Schrift" und je nach islamischen Gebiet und Machtverteilung hatten sich Stile entwickelt und an Bedeutung gewonnen oder wieder verloren. Die Stadt Kufa (Kufi) zählte etwa zu den wichtigsten Zentren dieser Kunst, obwohl heute kaum noch ein Araber zu finden ist, der diesen Schriftstil lesen kann. Viele Beispiele von Kalligraphien lassen sich im Web finden, doch ist dies nicht unser Thema, denn nicht die Schriftzeichen sind die Kunst des Gläubigen, sondern seine Handlungen im Kontext ihrer Bedeutung. Durch die Offenbarung Allahs - dem Qur'aan - hat die arabische Kalligraphie aber gänzlich andere Bedeutung als Kalligraphien anderer Religionen oder Kulturen; vergleichbar dabei ist nur die Verwendung von schöner Schrift.
So die arabische Schrift hauptsächlich aus elastischen Strichen und Punkten besteht lässt sie sich
umfangreicher gestalten als andere Schriften und weil die
Kenntnis des Qur'aan ein Allgemeingut der Muslime ist,
müssen sie nicht erst lesen können was da verschlungen
geschrieben ist; vielmehr reicht zu wissen, dass es sich um die
Basmallah,
um ein bestimmtes
Aayah (Qur'aan-Vers) handelt. Die Eigenart von Symbolen
bzw. Buchstaben
ist es - im Gegensatz zu ein Portrait oder
Landschaftsbild - realistische Kunstwerke zu sein; jedes
Symbol ist in sich ein realistisches Kunstwerk, ob es nun
der Volksschüler schreibt oder geübte Kalligraph; der
Unterschied besteht nur in der Ausführung.
Islamische
Kalligraphie ist die Kunst, welche dafür bekannt ist,
Ajaat (Sätze) aus dem Qur'aan, Aussprüche des
Gesandten Allahs
Kaligraphie
(nicht arabische) immer 'Ibadah" (Gottesverehrung)
und darin liegt der wesentliche Unterschied. So wie ein
Ungläubiger die Schahadah im schönstem Arabisch
sprechen kann ohne dadurch Gläubiger zu werden, so könnte er
auch arabische Kalligraphie erlernen, doch wird es für ihn
keine Verehrung Allahs sein, so er nicht glaubt; er ist auf
Grund seiner Leugnung von der Realität der Schahaadah
ausgeschlossen und wird sagen, dies ist abstrakte Kunst.
Deshalb ist für den Muslime die Welt ein Gefängnis, für den
Ungläubigen aber das Paradies.
Kalligraphien sind oft Nachahmungen früherer Meisterwerke,
andere aber verdeutlichen eine
innere Zerrissenheit zwischen westlichem Einfluss und Islaam,
so dass etwa den "Alifs" Palmen entwachsen oder
animiertes Geblinke auf Webseiten ensteht.
Solche neue Kalligraphien vermitteln, dass die
Wahrheit, welche die Schrift symbolisiert, nicht zu genügen
scheint; die Dekorationen sind nicht mehr Umgebung der
Schrift, sondern reduzieren deren Bedeutung.
Die Mehrheit der
Gefährten
Wenn also ein Ungläubiger - für den Allah
den Islam vorgesehen hat - eine Kalligraphie betrachtet, so
kann es sein, das sich in seinem verstecktesten Inneren -
entsprechend seiner Betrachtungsabsicht - ähnlich einem wunderbaren Duft, von dem man gerne wüsste
woher er kommt - etwas aktiviert wird, welches er dann
zu suchen beginnt. So ist es mir jedenfalls ergangen, als ich bei meiner
ersten Reise nach Asien in eine Mosche ging um dort
- unerwartet und groß auf die Wand geschrieben - dem Schriftzug "Allah"
gegenüberzustehen, ohne Kenntnis der arabischen
Zeichen oder des Islam. Dieses Erlebnis
hinterließ einen tiefen Eindruck, der mich bei zur
Suche nach der Duftquelle begleitete, bis ich
letztlich wiederum unerwartet, zehn Jahre später und einige hundert Kilometer
weiter, die
Schahaadah (das islamische Glaubensbekenntnis) sprach.
Nicht
das Produzieren einer Kalligraphie die wahre Kunst
ist, sondern vielmehr das sich vorsichtige Annähern an die
darin zum Ausdruck gebrachte spirituelle Lebensqualität, sei
es nun durch den Künstler oder den Betrachter.
Nicht die Schriftsymbole der Kalligraphie sind abstrakt,
sondern das gemalte des Wahrnehmenden. Die Nachahmung
beseelter Schöpfung ist Täuschung - das an den Schöpfer
erinnernde Wort ist Wahrheit obwohl beides nur Tinte.
Wird islamische Kalligraphie aber als
Dekoration wahrgenommen, was durch Gewohnheitsbezug eintreten kann, so
ist es besser für den Gläubigen, wenn er die zur Dekoration
gewordenen Erinnerung von der Wand nimmt
um nicht spirituellen Schaden zu erleiden. Oder ein
Händler, der sich die "Basmallah" in sein
Geschäftslokal hängt obwohl er
Ribaa (unrechte Vermehrung) betreibt, denn Allah hat Ribaa
verboten und den Handel erlaubt. Für den Gläubigen ist das
Anbringen von Kalligraphie also eine heikle Angelegenhiet, während
für Ungläubige - welche die Kunst der Form im säkularen Sinn
bewundern - das
Problem a
priori in ihrem
Kufr (Leugnung der
Warheit) liegt-
Nachdem ich den
Stein in den Ganges gekippt hatte, musste ich meine
Arbeiten weitgehend
stilllegen da ich neben meinen islamische Studien kaum mehr
Interesse und Zeit dafür hatte; ab und zu beschäftigte ich mich mit
arabischer Kalligraphie und nannte diese Arbeit "Khatt
an-Nimsaawiy", im Sinne des Eindringens des Islaams in
die europäischer Kunstgeschichte.
Für Ungläubige (also Nichtmuslime),
welche keinerlei arabische Schriftkenntnisse besitzen,
erscheint eine Kalligraphie nur durch ihre besondere
Formgebung unabhängig vom der Bedeutung des Geschriebenen;
es könnte sich bei der Kalligraphie um Werbespruch für
Kosmetika handeln und kann ein Gläubiger ohne arabische
Kenntnisse irrtümlich meinen, es handle sich bei der
Kalligraphie um ein Ayah aus dem Qur'aan. Immigranten aus muslimischen Gebieten,
- insbesondere arabisch sprechende,
sind im Kontext ihres mitgeschlepptes Kulturerbes - solche Überlegung
vollkommen fremd. |