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NGO Eine Reise von Österreich nach Afghanistan. Muhhammad AbuBakr Mueller . .
Im Namen Allahs
Einige hundert Passagiere können den Raum nicht verlassen. Gespräche werden geführt. Wenn dann alle Passagiere in der Halle auseinanderströmen kennt einer den anderen kaum mehr. Flüchtige Verabschiedungen. Bei diesem Flug war es nicht anders. Vieles von dem was mir Sophie Babel erzählte vergaß ich. Fragmente sind mir in Erinnerung geblieben:
„...........Es ist ein Vorteil wenn der
Bereiste sich einbildet zu wissen warum der Reisende reist. Das gibt Sicherheit
und produziert ein gewisses Selbstverständnis. Touristen, Studenten,
Journalisten, Politiker, usw. sind - psychologisch gesehen – Spione, die
vorgeben zur Bildung durchs Land zu reisen. Unsere Reise hat das Alibi
des Verdienens des Lebensunterhaltes; dafür hat sicher jeder Verständnis
und keine Erklärungen werden Notwendig sein. Zumindest waren diese
Umstände ganz echt. Kaum war dieses klare Konzept fertig, die Handelsware
besorgt und der Proviant verstaut, hat sich alles geändert. Das, immer
wieder zitierte, geheime Wissen der Muslime und anderer Wahrheitssucher
gibt es und gibt es auch nicht, denn Wissen ist seiner Natur nach das Gegenteil
des Geheimen, doch nicht immer und allen zugänglich. Das „geheime
Wissen“ unseres Berufsstandes der Lastwagenfahrer wäre zugänglich
gewesen, doch die Verladearbeiten hatten uns zu sehr erschöpft. Wir
wussten nicht welche Zeichen am hinteren Ende von Langgutfuhren in Italien
verlangt werden und zahlten Strafe. Und zusätzlich Strafe für
das was wir wussten, aber in der Eile nicht besorgt hatten: Tachographenscheiben.
Die bunt dekorierten italienischen Gendarma, kurz vor Venedig, erschienen
meinem Sohn Ahmad mit ihren Dekorationen derart seltsam, dass er fragte
ob sie sich verkleidet hätten. Wir fuhren also des Weges, um unser
Ziel - die Kundschaft in Afghanistan - mit unseren Handelswaren, nämlich
zwei mal drei Lastwagen übereinander, zu erreichen. Genaugenommen
müsste man wegen der Hingabe des Menschen zu derartigen Werten ‘Handelsskulpturen‘
sagen, doch lehnen das die einen wegen versteckter Betroffenheit ab und
die anderen, weil assoziatives Auffassen nicht jedem liegt. Bemerkenswert
bleibt, wie schnell der Mensch Hoffnungen mit Gegenständen verknüpft
ohne zu wissen was dabei herauskommt. Anders als unsere Vorbilder sind
wir derart mit dem Absichern unserer Existenz beschäftigt, dass
man meinen kann, es bliebe daneben kein Raum mehr, um Allah
Die in Italien erzwungenermaßen nachgekauften Tachographenscheiben legten wir ab jetzt täglich in die aufklappbare Apparatur hinterm Lenkrad. Ein heidnisches Amulett? Im Notfall bei Polizeikontrollen diese Scheiben vorzeigen. Jede Geschwindigkeit wird zusammen mit der Uhrzeit genau aufgezeichnet und die Polizei kassiert dann, wenn die feine schwarze Linie über die 80 km Marke hinausgeht. Wie fein wohl die ununterbrochenen Aufzeichnungen der Engel sind? Im wilden Kurdistan war es dann soweit und die Scheiben schützten uns nicht, sondern sprachen gegen uns. Vermutlich nur deshalb weil wir schlummernde Identitätsemotionen der Polizisten nützten, konnten wir, ohne Strafe zu zahlen, weiterfahren. Ein Türke hätte da keine Chance bei seinen Landsleuten; es kann nie alles in Ordnung sein. Reguläre Strafe mit Zettel oder vergünstigte Strafe ohne Zettel. Normalerweise benützten wir jetzt eine Scheibe pro Tag. Nur in Afghanistan wechselte ich die Scheibe - zwecks Ausdruckssteigerung – länger als 10 Tage nicht mehr aus. Das ergab ein ganz dichtes schwarzes Bild, auf dem nur die Höchstgeschwindigkeiten hervorstechen. Dank dieser Scheibensammlung weiß ich jetzt, wann wir aus Österreich abgefahren sind, und wann wir die letzten Papierschikanen an der türkisch/iranischen Grenze endlich hinter uns lassen konnten und endlich mit dem ersten Gang ganz langsam durch Wasserpfützen in das Islamische Emirat Afghanistan hineinrollten. Auffallend die Regenpfützen zu dieser Jahreszeit im trockenen Land; vielleicht ein Zeichen der Zeit.
Vor uns, hinter uns, neben uns und über uns Lastwagen mit optisch überquellenden Ladungen beladen: Gummireifen, Fernseher, Ersatzteile, Spannteppiche, Spielzeug, und alles, was von Afghanistan nach Pakistan zu schmuggeln Gewinn verspricht. Tiefer im Landesinneren, obenauf auf der hohen Ladung, manchmal noch ein paar Ziegen für den Eigenbedarf. Für Afghanistan selbst sind nur wenige Waren bestimmt, denn wer hat dort Geld; wer hat schon Vertrauen in die „neue Stabilität“ nach zwanzig Jahren Krieg? Deutsche Lastwagenzüge und Sattelschlepper mit verdreifachten Federpaketen, damit sie an heiklen Stellen nicht durch Schaukeln umkippen. Wie hohe Monsterfahrzeuge, mit denen sonst Kinder spielen. Manchmal kippen sie aber trotzdem um wenn die Straße zu schief ist oder die Achse bricht. Niemand hat eine größere Last geladen als er zu transportieren im Stande ist und so sind die afghanischen Lastwagenfahrer oft einen Monat lang unterwegs bevor sie wieder zu Hause eintreffen, obwohl die Strecke innerhalb Afghanistans hin und zurück höchstens 3000 km sein kann und mit zumindest zwei Fahrern gefahren wird.
Zwischen den Trucks moderne japanische
PKWs, rechtsgesteuert, aus ehemaligen britischen Kolonien, für den
späteren Schmuggel nach Pakistan bestimmt. Afghanistan ist traditionell
ein Zwischenlager. Grenzübergang vor einer Woche seitens Iran noch
geschlossen und der gesamte Handel musste daher einen langen Umweg über
Turkmenistan nehmen um dann vom Norden her nach Afghanistan einzureisen.
Geschäft bleibt Geschäft und wenn trotz aller Hürden ein
Gewinn zu vermuten ist, ist dieses sinnvoll. Große Mengen von Lastwagenreifen
werden von Korea in die Arabischen Emirate gebracht, in den südiranischen
Hafen Bandarabas verschifft, von dort quer durch den Iran nach Turkmenistan
transportiert (mit hohen iranischen Straßengebühren), dann 14
Tage quer durch Afghanistan - mit langwieriger Verzollung - um letztlich
jeweils links und rechts am Esel hängend über die Stammesgebiete
nach Pakistan zu gelangen. Deutsche Kartoffeln kommen aus Polen nachdem
sie in Italien gewaschen wurden. Afghanische EU. Dort Handy, hier verstaubte
Akten ohne Strom. Die versteckte Gier und Not und Angst ist aber potentiell
bei Muslimen und bei Ungläubigen ohne Unterschied vorhanden; nur die
Anleitung zum Umgang damit ist unterschiedlich. Afghanistan verlangt geringen
Zoll, wissend, dass die Dinge nicht im Land bleiben. Dieses System ist
stabil und viel älter als die Kriegswirren der letzten 20 Jahre.
Sunnitische Afghanen und schiitische Iraner
sind seit langem zutiefst verfeindet. Taliban ermorden angeblich iranische
Diplomaten; iranischer Politiker spuckte angeblich auf die Gräber
neben dem Grab des Propheten (der Friede und Segen Allahs
Längst waren wir Teil dieses Herumschiebens
von Material geworden. Wer konnte, der hat auf unserem Weg die Spesen unseres
Transportes zu seinen Gunsten erhöht. Die Taliban haben das angeblich
abgestellt. Die türkischen Beamten hatten uns - mit gewissen Anstrengungen
- die Zollhinterlegung für unsere 6 Lastwagen in Mark und Dollar gänzlich
zurückbezahlt. Die Iraner kassierten genausoviel fürs Durchfahren
und nannten das Zollversicherung und Straßengebühr und gaben
uns bei der Ausreise nichts davon zurück. Das war der Betrag gewesen,
den wir für die Verzollung in Afghanistan eingerechnet hatten. Adam
wollte schon zurückfahren und warf den unschuldigen Zöllnern
die halbfertigen Papiere vor die Füße. Bevor wir zur Kasse gebeten
wurden notierten die Zöllner fünf Tage lang unsere sechs Fahrgestellnummern,
füllten Papiere aus und kassierten mit unreellen Wechselkursen. Alles
war korrekt nach höherem Befehl. Wir übten unsere Nafs zu kontrollieren
und aßen Yoghurt aus Ziegenmilch von höchster Qualität.
Beim Fleisch sind wir unsicher. Schiiten machen vieles anders und wir wissen
nicht wie sie schlachten. Der Begriff „Sunnah“ fehlt im Iran. „Taqiah“,
was ungefähr „die Wahrheit verstecken aus (Gottes)Furcht“, bedeutet
(arabisch auch die Untermütze), ist nach schiitischer Ansicht nicht
nur bei Todesgefahr erlaubt und so weiß man nicht woran man ist.
Freundlichkeiten, Gefühle, Psychologie und Bedürfnisse vermischen
sich schnell mit Glaubensfragen, mit Akida. Scheich Imam Rabbani (möge
Allah
Ein Lautsprecher verkündet manchmal
den Gebetsruf und andere Geschichten werden von Tonband oder Radio verkündet.
Jedenfalls ist niemend in der Moschee. Während des Tages rollen ununterbrochen
Tanklastwagen von Turkmenistan durch den Iran in die Türkei. Am Abend
wird die Grenze dicht gemacht. Wir dachten, dass Iran den Treibstoff liefere,
doch war das eine Täuschung. Hunderte iranische Fahrer leben davon
und darben tagelang - wie wir – auf der Grenze mit ihren Ladungen auf gut
von Öl und Diesel getränktem Boden bis sie endlich durchs Nadelöhr
in die Türkei hinein dürfen um nach nur kurzer Fahrt in ein Zwischenlager
zu pumpen und alsbald wieder auf der türkischen Seite zu warten. Allah
In der östlichen Pilgerstadt Mashhad, wo der verehrte Imam Reza unter einer weithin glänzenden, vergoldeten Kuppel begraben liegt, mussten wir unser Visum in einem gerichtlichen Schnellverfahren verlängern lassen. Wir fuhren dazu mit Taxis zwischen Ämtern, Banken, Gericht, Visabehörde und Geldwechslern hin und her. Ein Bankbeamter weigerte sich einen kleinen Zettel auf Persisch für mich auszufüllen. Ich musste drei Euro mit Bankbestätigung wechseln und das Wechselpapier am Gericht vorlegen. Kafka könnte unsere Amtstage in Mashhad besser erzählen. Unsere Wohnung befand sich neben dem modernen Bahnhof auf dem Gehsteig. Der Bahnhofsplatz verwandelte sich jede Nacht in ein Volksfest mit Fußball. Die Iraner hatten gerade die Amerikaner bei einem Fußballspiel besiegt und es schien als ob die halbe Stadt jetzt mit Fußballtraining beschäftigt wäre. Neben uns liegen zwei im Kartonbett. Die Polizei weckt die Burschen auf und untersucht sie nach Heroin; findet aber nichts. Der Brotpreis ist staatlich gestützt und jeder kann sich Brot leisten.
Khalid mit seinem Vater Muhhammad Hamid
und mein Sohn Ahmad und ich bilden das Transportteam. Wir alle gehören
zum steirischen Bergvolk im südlichen Österreich. Unsere Stammesgebiete
waren lange von Muslimen besetzt doch ist davon nichts übrig geblieben
außer einer Befreiungstheorie in den Schulbüchern, Tabak, Kaffee,
Kochrezepten und eine Reihe von Worten, wie etwa „hatschen“ für mühsames
Gehen. In meiner Volksschulzeit wurden wir in eine Straße geführt
in der es ein Haus gibt aus dessen Dachluke ein hölzerner Türke
schaut. Es heißt, dass er durch den Kamin flüchtete. Heute gehen
wir mit Turban und Bart herum, sozusagen stolz auf die Ehre Muslim zu sein
und die ehemaligen Eroberer aus der Türkei verteidigen ihre glattrasierten
Gesichter, ihre oft unter großen Entbehrungen errungenen Doktortitel,
die Fernseher und die Krawatten. Liebenswürdig? Ahnungslos?
Ja. Nein. Viele sind auf Baustellen versklavt und träumen von der
Zukunft mit Geld im eigenen Haus in der Heimat. Steirische Muslime (es
gibt fast keine) planen die Rückführung ihrer Stammesgebiete
unter muslimische Herrschaft (gibt es auch keine) und die Steirer befürchten
außerdem, dass dies zu ihrem Nachteil wäre. Most und Schnaps,
das heimatliche Rauschgift aus Äpfeln, dürften sie dann nicht
mehr trinken. Auch andere Argumente haben unsere Landsleute um den Islam
abzulehnen aber der Trunk genügt, um von der Gefahr des Kulturverlusts
zu sprechen. Dazu kommt noch, dass die Steirer sehen, wie die Menschen
aus den islamischen Ländern ihre eigenen Empfindungen und Erfindungen,
Filme, Krawatten, BlueJeans, usw. für derart wichtig halten,
dass sie ihre vom Propheten Muhhammad (der Friede und Segen Allahs
Jeder von uns vieren hatte eine eigene
Führerkabine als Schlafraum; zwei blieben frei. Für die Kinder
war es ein Vergnügen manchmal im obersten Führerhaus unserer
Ladung mitzufahren. Muhammed Hamid ist schon vor drei Jahren mit seiner
Familie nach Pakistan gezogen und hat zuerst ein Jahr in der Khanaka unseres
Scheichs, nahe Peshawar, gewohnt. Dort haben seine Kinder Pashtu gelernt
und nicht selten war während unserer Reise der neunjährige Khalid
widerwilliger Dolmetscher. Ein Jahr später übersiedelte Hamid
nach Jalalabad wo er jetzt mit seiner Frau und den fünf Kindern seit
über zwei Jahren lebt. Er arbeitet an einer kleinen NGO (Non Governmental
Organisation) für soziale Projekte. Die Lastwagenüberstellung
hat Hamid als wirtschaftliche Notwendigkeit begonnen und ich bin mit meinem
jüngsten Sohn kurzfristig in dieses - nicht sehr aussichtsreiche -
Unternehmen eingestiegen. Wir haben schließlich das ärmste Land
der Welt zum Geschäftspartner. Auf anderer Ebene ist es ein alter
Trick der Suufis und Touristen - gegen oder für die Nafs - alles Laufende
plötzlich abzubrechen. Der große Scheich Suhrawardi (möge
Allah
Vorbei an geschlossenen Zollgebäuden fuhren wir auf der glatten Autobahn zuerst einmal nach Venedig. Nur ein Strafmandat wegen fehlender Tachographenscheibe bekamen wir. Dann die Lastwagen auf die Fähre, durch den Canale Grande, vorbei an den versinkenden Prunkgebäuden und Gefängnissen der Dogen, hinaus ins offene Meer. Dieselgeruch von den Schiffsmotoren, weißer Schaum vom Bug, strahlendes Wetter. Eine Schiffsreise. Die Resopal-Kabine blieb für unsere Kinder wohl eines der wichtigsten Erlebnisse. So ein cooles Zimmer. Dann griechische Almen; Baden neben weißen Felsen der Steilküste in der noch immer blauen Ägäis. Ein Zeichen nach dem anderen. Eine Türkei mit vollautomatisierten Rinderzuchtbetrieben, gläsernen Bürotürmen, marmornen Wohnkolossen und immer seltener werdendem Kuhmist, der zum Trocknn auf die Hauswände geschmiert gehört. Nur noch im Osten Kuhmistbriketts. Dazwischen fahren Fabriksbesitzer, die ihre Gewinne im Ausland anlegen. 100% (ich weiß nicht genau) Inflation ist in der Türkei normal. Gipserne Figuren des Kemal Pasha im ganzen Land. Früher wurde in den türkischen Schulen unterrichtet, dass aufgestellte Figuren Götzen seien. Wer das heute sagt wird vielleicht eingesperrt. Ein Photo des österreichischen Bundespräsidenten meist in der Nähe eines Kreuzes in jedem Schulzimmer. Jeder darf sagen was er will, doch das muss bleiben. Kultur; aus basta. Nationalität. Das ist die Türkei. Islam als nationale Kulturveranstaltung mit Freitagsansprache. Auf den Mimbars steht eine türkische Fahne. Die Mehrheit der Türken will Sitzgarnituren aus Samt, Fernseher, Fußball. „…jeder türkische Soldat stirbt angeblich als Shahid“. Der säkulare Staat ist nicht so möglich wie bei den Christen in Österreich weil es unter Muslimen keine Kirche und keine Priester gibt welche man vom Staat trennen könnte. Das ist ja eine römische Erfindung. Damit Unmögliches möglich wird hat man eine Priesterkaste installiert. Diese erfundene Institution hat man dann vom Staat getrennt und das Ergebnis nennt man Laizismus. Jedes Volk hat die Regierung die ihm zukommt.
In Erzurum besorgten wir das Iranische Visum und Proviant, denn Erzurum ist bekannt für Trockenfleisch, Trockenfrüchte, Käse und Honig von bester Qualität. Gebet in der überfüllten, großen, alten Moschee. Wahrscheinlich ein berühmtes Bauwerk im alten Zentrum. Der Imaam und wenige andere haben Bart und Turban. Ob diese in Gefahr leben? Erzurum gilt als ein Zentrum des Islamistischen Fundamentalismus wird geschrieben. Außerdem mitten im Kurdengebiet. Weder die kurdische noch die türkische Staatsidee kann im Qur‘aan gefunden werden. Der türkische Staatsfeind Nummer eins lebt noch in Syrien. Etwas später wird er in Afrika geschnappt und auf eine Gefängnisinsel gebracht. Einige antike Teppiche werden in Europa unter dem Fachbegriff „Emrali“ teuer gehandelt. Was wohl die Knüpfer dieser Teppiche gemacht haben; auch Staatsfeinde? Was kann ein Land überhaupt davon haben wenn es seine ethnischen Gruppen gegen deren Willen in eine Identität zwingt. Ob die Steirer einmal einen eigenen Staat wollen? Wasserkrieg? Eine Delegation reicher arabischer Länder ist gekommen um über Wasser zu verhandeln. Ölvorkommen im Kurdengebiet? Wir werden in eine barocke Fauteuilrunde freundlich hineingezwungen; lieber würden wir am Boden sitzen. Möbel verstellen in erster Linie den Raum: Wohnzimmer, Speisezimmer, Küche, Schlafzimmer. Wer ein Dach über dem Kopf hat und Nahrung für einen Tag kann der glücklichste Mensch sein. Im Hintergrund glänzt das Service aus den Vitrinen. Diese Liebenswürdigkeit und Vorsorge Fremden gegenüber ist in Europa unbekannt. Touristen berichten immer wieder davon. Ich bin mir sicher, es wäre möglich gewesen einen Monat dort als Gäste zu verbringen. Könnte ein Türke das in Österreich? Unsere Buben wurden in den Vorraum gelockt, wo die Frauen und Töchter begeistert - mit dem Ausruf „tatle“ - ein Wangenzwicken veranstalteten bis die Kinder zu uns flohen. „Tatle“ (ein Kosewort, süß) wurde zum Synonym einer türkischen Gefahr für Buben, der es fortan zu entrinnen galt.
Zakariah erbrachte den Beweis welch großartige
Muslime es in der Türkei gibt. Er erledigte den ganzen Tag über
unsere Ausreisepapiere und half uns unsere Kaution, welche wir bei der
Einreise hinterlegt hatten, wieder zu bekommen. Die Banken hatten nur das
im Iran wertlose türkische Inflationsgeld. Unzufällig war ein
Kontrollinspektor aus Istanbul zur Überprüfung der Grenzgeschäfte
anwesend, so dass alle Beamten ohne private Bezahlung überdurchschnittlich
eifrig waren. Er lud uns zum Tee unter dem amtlich vorgeschriebenen Atatürkbildnis
und rezitierte Qur‘aan.Ich selbst bin in der Türkei im Haus von Scheich
Ahmad Efendi in Yozgat Muslim geworden und vor ein paar Tagen erst erzählte
mir ein Türke aus dieser Stadt in Österreich, dass Ahmad Efendi
jetzt über 100 Jahre alt sei und die Menschen eine Woche vor seinem
Haus auf der Strasse stünden, um ihn treffen zu können. Möge
Allah
Der Unterschied zwischen Europa und dem
Iran ist geringer als der zwischen dem Iran und Afghanistan. Nicht aus
der Sicht der jeweils köstlicheren Speisen oder sonstiger Kulturerscheinungen,
sondern aus der Wahrnehmung der Herzen, welche in vielerlei Form zum Ausdruck
kommt. Glaube verwandelt/verändert eine Gesellschaft und das selbe
Brot schmeckt unter Gläubigen besser. Iran ist mit seinem Priestersystem
und der grausamen Ermordung Hussains (möge Allah
Hamid, in dessen Haus in Jalalabad während
seiner Abwesenheit eingebrochen worden war, sagt: „es gibt viele Diebe
in Afghanistan, doch seit die Taliban regieren stehlen sie fast nicht mehr.“
Beten würden auch viele nicht, doch werden diese jetzt - zu ihrem
eigenen Vorteil - von außen darauf gestoßen. Ab und zu kommt
jemand in die Bazare und scheucht die in ihren Geschäften untergehenden
Händler auf. Die Taliban bestätigen offiziell die Richtigkeit
und Wichtigkeit der Shar’iah und der Sunnah, was derzeit in keinem
einzigen anderen Land praktisch der Fall ist. Das ist aber wesentlich.
Lehrmeinungen und Fatwas sind bedeutungslos wenn sie nicht exekutiert werden.
Die Taliban sind garantiert sehr fehlerhaft, doch ist dies eine andere
Ebene als die des Glaubens. Fehler und das Leugnen des Richtigen,
das sind zwei Paar Schuhe. Allah
Als wir also mit unseren sechs LKWs (jeweils
zwei kleinere übereinander auf einem größeren aufgeladen)
in das Islamische Emirat einreisten, zeigte ich mein Visum der Afghanischen
Botschaft in Wien. Es hatte keine Gültigkeit, denn das Islamische
Emirat hat mit den afghanischen Botschaften nichts zu tun (ausgenommen
jenen in Pakistan und den Arabischen Emiraten). Man kann momentan die afghanischen
Botschaften als eine Art Non-Governmental- Organisations (NGO) betrachten.
Wer finanziert eigentlich diese Ämter? Der Botschafter in Wien,
ein netter junger Afghane mit Krawatte und frischen, in New York gemachten
Erfahrungen, hatte uns nahegelegt gegen die Taliban zu sein und uns entsprechende
Geschichten über die Taliban erzählt. Der erste afghanische Grenzbeamte
in seiner vollgestopften Hütte stellte mir mit äußerster
Höflichkeit ein neues Visum aus. Der Schreibaufwand für das Visum
wurde über mehrere Bücher und Zettel auf dem kleinen Tisch mühsam
verteilt und ich zahlte mit mehreren Währungen. Bis zur Ausreise wollte
dann nie mehr jemand meinen Reisepass kontrollieren. Unsere Handelsskulpturen
standen nunmehr im afghanischen Zollhof zwischen anderen derartigen Anhäufungen
von hochgeschätzten fraglichen Dingen des Lebens, welche bald wieder
Schrott sein würden. Trotzdem fachkundige Blicke auf Marken
und Leistungsmerkmale der Karossen. Uniformen haben die Taliban nicht.
Ein junger Mann, natürlich mit Turban und Bart, machte zwei Stichproben
bei unseren Fahrgestellnummern und verfasste eine kurze Liste zu unseren
Lastwagen nach unseren eigenen Angaben. Wir waren sehr angetan von dieser
einfachen Art der Erledigung; wir ahnten noch nicht, dass die afghanische
Bürokratie an Umständlichkeit alles übertrifft. Gebetsruf.
Adhaan. Mittagsgebet in der Moschee. Selbstverständlich. Nach einem
etwas komplizierten Verladevorgang in Österreich und einer 20tägigen
Reise mit Gebeten fast immer neben der Autobahn - endlich unter Muslimen.
In der Türkei hat man uns noch wie Museumsstücke betrachtet wenn
wir im Freien gebetet haben. Das Gebet ist zu verrichten und wenn dann
noch Zeit bleibt werden Geschäfte erledigt. Dieser Umstand ist undokumentierbar;
das ist nicht Kultur; es ist das analphabetische Wissen des Herzens vermittelt
durch den schreibunkundigen Propheten, auf dem der Friede und Segen Allahs
Anders als in der Türkei oder dem Iran, wo wir nicht wussten ob das Fleisch halal ist, fühlen wir uns hier sicher. Wir essen im winzigen Zeltrestaurant mit eng im Kreis sitzenden Reisenden und Heeren von Fliegen. Das Essen wurde aus Töpfen, welche in Erdlöchern heiß gehalten wurden, geholt. Kein Strom an der Grenze. Keine Wasserleitung. Keine Toiletten im ganzen Land. Alles wird hinter den Häusern erledigt. Zumindest grundsätzlich so auf dem Land. Der allgemein widerwärtige Schmutz und die Unmengen von Fliegen vermittelten, dass taharah etwas anderes ist als Hygiene. Muslime, die die Sunnah befolgen können im Schmutz mit Dingen sauber umgehen. Durchfall ist unter diesen Bedingungen für Neuankömmlinge unvermeidlich. Es ist leicht so zu reden wenn man nicht immer dort ist.
Die Asphaltstrasse war zu Ende. Über 1000 km mit allen Variationen einer Geländefahrt waren vor uns. Stimmt nicht ganz, denn die alte russische Betonstraße und die amerikanische Asphaltstraße waren streckenweise noch vorhanden. Das erste Stück bis Herat war frei von Asphalt oder Beton und daher nicht so schlecht zu befahren. Ich hatte zuerst meinen Spaß daran über die meterhohen, regelmäßigen Schotterwellen zu surfen. Aber nur anfangs, bevor ich noch wusste wie sich das auf die Ladung auswirken würde. Zwei Tage für 150 km. Die Ladung war von Österreich bis Afghanistan an ihrem Platz geblieben, doch nun begann ein Schieben, Schaukeln und Scheuern ohne Ende. Der Staub verstopfte die Luftfilter.
Der türkische Käse, das Trockenfleisch und der Honig aus Erzurum waren verbraucht. Dafür konnten wir uns jetzt den Besuch von Restaurants leisten. Zum Einen weil sie in Afghanistan nicht teuer sind und zum Anderen, weil jeder weiß, wie geschlachtet wird. Fett, Reis, Fleisch, Brot, eine Gemüsesorte und Weintrauben; durchs ganze Land genau dasselbe bei jeder Station. Während wir bald in Herat in kaum erhellten hohen Räumen unbeschreiblich komplizierte Verzollungsmechanismen durchführen mussten wurde Ahmad krank und ich versuchte, fettfreien Reis zu bekommen. Er wurde in unserem besten Hotel extra gekocht und der Topf stolz gebracht. Wieder Fett; Reis kann man in Afghanistan nicht ohne Fett kochen; so etwas ist falsch. Ein Afghane kann nicht unrecht haben. Der Durchfall hat sich auf diese Weise gut und lange erhalten. Eine Infusion aus dem Plastikbeutel an der Wand hat gestärkt.
Herat, die erste Stadt in der wir Station machen, liegt im Nordwesten Afghanistans, berühmt für seine Vergangenheit; ehemals Hauptstadt von Baktrien mit feinster Teppichproduktion und ständigem Wind, der im Sommer angenehmes Klima schafft. Wir fahren von den Bergen langsam ins Becken von Herat hinunter und sehen von weitem die riesigen, alten verbogenen Ziegelminarette, welche durch ihre Nähe und Größe die ganze, in dünnem Staubdunst liegende, Stadt überragen. Afghanistan gibt es als politische Idee erst seit ca. 250 Jahren. Zur Zeit Timur Lenks und der Safawidenherrschaft war Herat der geistige Mittelpunkt Ostpersiens. Der Schiismus wurde damals unter Zwang im heutigen Iran verbreitet und war auch für Herat vorgesehen was aber nicht gelang. Afghanistan besteht aus einer Vielzahl von Stämmen. Die bekanntesten sind die Pashtunen, Tadschiken, Usbeken, Turkmenen, Tschahar Aimag, Brahui, Hazara, Kaafiren, Kirgisen, Karalpeken, Kyziayak, Kyzilbasch. Im Westen sind mehr persisch sprechende Stämme angesiedelt, im Norden mehr turkmenisch sprechende und sonst überall unterschiedliches Pashtu sprechende Stämme.
Abgesehen von einigen Generatoren gibt es keinen Strom in Herat und so ist es in fast ganz Afghanistan, denn die Mujahidin haben die kupfernen Kabel von den Masten geholt und verkauft; auch wesentliche Kraftwerkselemente. Was technische Planung betrifft, so denken Afghanen kaum für die Zukunft. Wenn das Wasser aus der Leitung kommt so ist es gut; wenn es aufhört zu rinnen wird es aus dem Bach geholt; die Wasserleitung reparieren kann Jahre brauchen; eine auf Ursachen bezogene Lösung zu finden ist nicht üblich. Die Zollformalitäten bleiben sehr langwierig. Sechs Tage wandern wir zwischen Zoll- und Finanzbeamten und Geldwechslern hin und her und zum Schluss ist nichts erledigt. Am Tag der Tage wird uns dieses Warten wohl kurz erscheinen. Die größten „Afghani“-Geldscheine sind Zehntausender, so dass in Bündeln von 500.000 bezahlt wird; meist ohne nachzuzählen. Ich habe erstmals über den Rücken ein Tuch mit gebündelten Geldscheinen getragen. Geschichten von Räumen voll mit Geld tauchen auf. Niemand fragte uns jemals nach Bestechungsgeld; wer nimmt oder gibt wird angeblich ausgepeitscht. Nach dem Mittagsgebet sind Ämter nur mehr zum Teetrinken geeignet. Alle Beamten waren sehr höflich.
Die Hauptmoschee, innen ganz nüchterne
weiße Gewölbe; ein großer Hof; die Qiblahwände im
Hof und an der Außenseite der Moschee mit feinstbemalten blauen Fliesen
übersät. MuriDiin unseres Scheichs von der anderen Seite Afghanistans
begrüßen uns. Wir hatten sie vorher noch nicht getroffen doch
Allah
In Afghanistan sind vor allem die Turuuq
der Naqshbandi, Qadri und der Chistia verbreitet. Der Amir-ul-Mu‘miniin,
wie Muhhammad ‘Umar genannt wird, gilt als Anführer der Taliban
und aller Muslime des Gebietes und auch darüber hinaus; wie der Titel
das ausdrückt. Angeblich ist er selbst kein Suufi doch folgt er dem
Madhhab des Imam Abu Hanifa (möge Allah
Herat war ein Wohnort der Âuliaa'‘, großer
Gelehrter und vieler unbekannter Suufis, möge Allah
Die neueren Konstruktionen sehen anders aus: Muslime aus allen Ländern lieben es, das Bestreben nach der Wissenschaft des Glaubens mit dem Streben des Diplomingenieurs, der dafür nach China reist, gleichzusetzen. Und die kindliche Vorstellung, dass durch nachgeholte Industrie die Islamische Gesellschaft zu einem besseren Funktionieren gebracht werde ist Standard geworden. Ich besinne mich dann wieder auf meinen staubigen Weg. Die neuen Plastikschlapfen haben schon Blasen hervorgerufen, so dass ich in etwas seltsamer Weise gehen muss. Nur wenige Häuser sind in Herat vom Krieg zerstört. Zurück im Inneren der Stadt von Herat, überlege ich mir, welches der Geschäfte wohl das von Qasim mit den Schaffellmänteln war. Vor 30 Jahren, in einem Herat ohne Autos, haben dort die Hippies Haschisch geraucht und gewonnene Erkenntnisse wurden sehr ernst genommen. Nicht Rausch wurde gesucht, sondern Ernüchterung und Erkenntnis; es galt, Wissen oder Erleuchtung zu finden; Religion war unwichtige Formalität die respektiert wurde. Ich glaube, die Taliban verstehen das so wenig wie die Salafiten. Im Nachhinein zeigt sich die Vorbestimmung als Kristallkette.
Vom Hotelzimmer sah ich gut zum Bazar hinunter; in/an einer der Hauptstraßen von Herat. Im Zimmer der kranke Sohn zwischen Toilette und Bett. Auf der Strasse viele Frauen ohne Gesichtsschleier. Einkaufen im Bazar. Ein Mann kauft - auf dem Esel sitzend - Seife ein; er riecht an einigen Stücken, reitet zum nächsten Geschäftswagen und vergleicht. Einzelne kleine Spezialhandlungen wie ein Supermarkt. Jede Früh nehmen die meist sehr jungen Verkäufer genau die gleiche Position ein. Ein zerbeulter russischer PKW mit weißer Fahne; ein Taliban, Schüler des religiösen Wissens. Niemand scheint sich um irgendetwas außer um seine eigenen Geschäfte zu kümmern. Kein Respekt für Taliban. Die große Mehrheit der Afghanen scheint die Taliban zu befürworten und es gibt daher wenig zu kontrollieren. Das Gesetz ist vor über 1400 Jahren bekanntgegeben worden. Die Verkehrspolizisten gehen in zerschlissenen Uniformen herum; sie wirken etwas fehl am Platz. Wir essen am Podium über dem Kanal. Der ist voll mit Nylonsackerln und faulendem schwarzem Wasser. Darüber unser Restaurant am Kreisverkehr. Das Essen wird aus den Räumen über den Gehsteig getragen. Ein Händler, der unechtes Schampon verkauft hat, wird auf ein Plateau in der Mitte des Kreisverkehrs geführt. Mit seinen Händen muss er die Schamponflaschen hochhalten während über Batterielautsprecher der Bevölkerung seine Missetat verkündet wird. Dann wird er zum nächsten Platz geführt. Wie in den Medien in Österreich. Information ist wichtig. Eine Unterhaltung für die Kinder, welche in großer Schar dem Wagen nachlaufen. Vielleicht verliert er eine Hand. Erwachsene Afghanen sind auch dabei. Was geschieht hängt zumeist von den Geschädigten ab; wird dem Gauner verziehen, kann der Schaden ausgeglichen werden, ist die Sache meist erledigt. Manchmal wird als Ausgleich die Tochter zur Frau gegeben. Alles hängt von den Umständen ab. Diebstahl aus Hunger wird nicht mit Handabhacken bestraft. Auspeitschungen werden öffentlich durchgeführt. Der Vollstrecker muss etwas unter den Arm klemmen, damit er nicht zu fest schlagen kann. Es ist eher die öffentliche Schande denn der Schmerz. Bis auf das übliche Markttreiben ist alles ruhig in der Stadt. Die Weintrauben und das knusprige Brot schmecken vorzüglich. Die Spieße und der grüne Tee ebenso. Ein alte Frau wühlt aus einem Misthaufen irgendwas Brauchbares heraus. Laufend kommen Bettler und Verkrüppelte vorbei und jedes Mal wenn ich nichts hergegeben habe erfinde ich innerlich Ausreden. Viele Menschen sind durch den Krieg verstümmelt worden. Arbeit gibt es nur für wenige und mit Arbeit kann man höchstens für einen Tag die Nahrung verdienen. Wer mehr will muss Handel treiben.
Eine Gruppe Taliban besucht uns im Hotel; einfach nur so, sie haben von uns gehört und laden uns ins ehemalige Parkhotel, das jetzige Hauptquartier von Herat - vermutlich zum Essen - ein. Wir servieren ihnen zwischen den Betten Hotel-Tee. Das Hotelpersonal mag die Taliban nicht; man spürt das; wir sind auch nicht die idealen Gäste. Im Parkhotel finden wir unsere Gastgeber allerdings nicht; wahrscheinlich verhindert. Niemand kontrollierte uns im Hauptquartier und überall wo wir in Afghanistan waren konnten wir uns ungehindert bewegen. Ich wunderte mich über die europäischen Zeitungsmeldungen, die ich vor der Abreise gelesen hatte. Wir erfahren, dass iranische Diplomaten, welche Gegner der Taliban militärisch unterstützten, dabei ums Leben kamen. Iran droht jetzt mit einem Angriff. Militärübungen werden angekündigt. Die Grenze über die wir gerade eingereist sind ist wieder gesperrt. Mazar-i-Sharif im Norden des Landes ist jetzt von den Taliban eingenommen worden. In den Nächten gibt es noch Ausgangssperre ab 22 Uhr.
Mazar-i-Sharif ist die Hauptstadt des Nordens und das ganze Gebiet herum ist der Reichtum Afghanistans. Landwirtschaft und Bodenschätze, Teppiche, Tiere. Eine dichte Gegend im Vergleich zum restlichen Afghanistan. Die früheren MujahiDiin gerieten einander nach Vertreibung der Sowjets in die Haare und bombardierten Kabul viel schlimmer als die Russen es je getan hatten. Von den Taliban wurden sie vom Süden her langsam verdrängt und hielten sich (in der Not vereinigt) mit Unterstützung des Iran und Usbekistans in den nördlichen Teilen des Landes auf. Heute wird lediglich noch das Panshiirtal gehalten. Es hat nur einen gangbaren Zugang und der ist so schmal, dass er leicht verteidigt werden kann. In diesem Tal sitzt der letzte im Land verbliebene Führer der ehemaligen MujahiDiin mit einer großen Menge von Waffen, so dass er sich dort angeblich jahrelang halten kann. Ab und zu werden Raketen nach Kabul abgefeuert. Das ist die von der EU unterstützte Regierung.
Eine provisorische Zollgenehmigung nach sechs Tagen. Was uns fehlte war nur der Handelsschein; dann ist alles einfach.Weiter in Richtung Herat. 20 km, oder zwei Stunden lang fuhren wir durch eine Allee aus sehr alten, hohen Kiefern. Ein Mal zuvor schon bin ich auf dieser Straße gefahren, nicht lange nachdem sie die Sowjets frisch betoniert hatten. Die Sowjets und später die MujahiDiin haben die Straßen bombardiert; russische Kettenpanzer haben die Fugen zwischen den Betonplatten in breite und tiefe Rillen verwandelt. Zuerst schlägt man mit den vorderen Reifen hinein und dann mit den hinteren. Die Ladung bewegt sich kräftig. An wenigen Stellen nur wurde die feste Betonstraße gänzlich zerstört, doch fahren wir und andere Lastwagen oft irgendwo abseits der Straße in Sand und Staub, um den harten Stößen auszuweichen, immer denkend, dass der andere Weg besser sei. Jeder Versuch schneller als10 km/h zu fahren wird mit Verrutschen unserer Ladung bestraft. 1300 km sind vor uns. Wir können also bei 14 Stunden täglicher Fahrzeit und einem Schnitt von 10 km/h in 10 Tagen die Strecke bewältigen. Unsere Rechnung war richtig. Alle besseren Spekulationen waren falsch. Die Gurten scheuerten sich immer wieder durch. Die Kanister und Fässer der 1400 Liter Dieselvorrat aus dem Iran kippen um und bekommen Löcher. Immer wieder tropft Diesel. Mit Schläuchen tanken wir von hoch oben hinunter, doch es geht nicht mehr als wir verfahren können. Ein Mund voll Diesel beim Ansaugen. Ab jetzt sind wir täglich mehrmals damit beschäftigt unsere Ladung mittels Wagenhebern, Holzbalken, riesigen Nägeln, Drähten, Gurten und allerlei Werkzeugen in der staubigen Hitze neu zu befestigen. Unsere Ladung steht mit abmontierten Reifen, aber auf ihren Federn übereinander, so dass sich das Schaukeln und Schwanken gegenseitig verstärkt. Eine hoffnungslos falsche Befestigung – unterwegs können wir da nichts mehr ändern. Wie bei einer falschen Glaubensgrundlage (akida) war jeder Versuch der oberflächlichen Korrektur nur kurzfristig wirksam. Ein von einem ehemaligen PKW Motor betriebener Generator wurde mit einem Schweißtrafo kombiniert und die abstürzende Bordwand war angeschweißt. Der Tagesablauf ist regelmäßig: Morgengebet, Frühstück, Ladung neu befestigen, fahren, Ladung neu befestigen, Wasservorrat auffüllen, fahren, fahren, fahren, Mittagsgebet, fahren, Ladung neu befestigen und sonstiges Service, fahren, Ladung befestigen, fahren, Nachmittagsgebet und oft bleiben wir dann an dem Platz bis zum nächsten Morgen. Manche Plätze sind so schön, dass ich gerne länger bleiben möchte. Im Sommer sind die Tage lang. Qandahaar erreichen wir daher bereits nach sechs Tagen. Irgendwann haben wir es aufgegeben gegen die langsame Fahrweise zu revoltieren. Eine Gruppe afghanischer LKW-Fahrer befreundet sich mit uns; die müssen wegen der enormen Lasten fast täglich ein Mal einen geplatzten Reifen irgendwo auf der Straße reparieren. Jeden Abend treffen wir einander und essen zusammen. So kommen wir zu ausgezeichneten Köchen und werden täglich zum (Fett)-Essen aus drei Schnellkochtöpfen nebeneinader eingeladen. Das gemeinsame Gebet klappte manchmal. Am Anfang waren unsere Brüder doch etwas verwundert, dass wir sie zum gemeinschaftlichen Gebet anhielten. Wer Lesen und schreiben kann ist schon ein halber Gelehrter unter Analphabeten. Jeder kletterte dann müde in seine Schlafkabine. Die Profis fahren gleich nach dem Morgengebet - noch bei Dunkelheit - weiter. Untertags überholen wir unsere Berufskollegen, denn sie haben viel schwerer geladen und versuchen selbst bei besseren Stücken nicht, schneller zu fahren. Dann verrutscht unsere Ladung wieder regelmäßig und sie holen uns ein. Einmal haben sie mir eine Bordwand nachgebracht die ich unbemerkt verloren hatte. So ging es durchs ganze Land. Pannen sind ständig und für alle. Hitze und Kälte lassen sich nicht beschreiben.
Eine Besonderheit sind die, mehr als einen Meter hohen Bodenwellen. Nach einem Tag Bodenwellen setzen sich diese im Schlaf fort. Luftfilter putzen. Die Kinder, unsere Beifahrer die gewisse Dienste meist widerwillig erledigen, verlieren sich in Beschäftigungen als wären sie nicht auf der Reise. Manchmal erreichen wir eine Ortschaft zur Gebetszeit. Granathülsen aus Messing säumen den Weg zur Moschee. Regelmäßig aufgestellte Panzergetriebe wie eine Installation in der Kunstgalerie. Panzerketten sind in den Boden eingelassen. Gräber am Rand der Straße. Vermutlich von den Märtyrern. Ein Grab ist mit unzähligen Glassplittern und allem was der Krieg an Kleinzeug hinterlässt dekoriert. Einige Ziegenhörner und größere Steine. Ein Shahid ist gereinigt und wird ohne Waschung begraben. Wir wissen nicht wer das ist, doch beten wir für ihn.
Ein großes Grabmal mit gepflegtem Rosengarten und wucherndem Jasmin kurz vor Qandahaar. Hier liegt der angebliche Gründer Afghanistans begraben. Seinen Namen habe ich vergessen. Qandahaar selbst ist, im Vergleich zu Herat, recht schmutzig und wirkt ungepflegt. Hauptsächlich Pashtunen und Belutschen leben hier. Die Weintrauben sind noch süßer und der Bazar viel dichter als in Herat. Ahmad und Khalid kaufen auf dem Werkzeugmarkt eine handgemachte Fuchsschwanzsäge, Eiscreme und andere wichtige Dinge. Wir schlafen eine Nacht in einem alten, englisch wirkenden Hotel und der Rezeptionist verlangt das Geld im Vorhinein; er hat offensichtlich Angst, dass wir nicht bezahlen.
Qandahaar ist die Heimatstadt des Anführers der Taliban. Eine weiße Fahne weht vom Zentrum des kleinen Hauptquartiers. Die Taliban begannen in Qandahaar mit ihrem Feldzug zur Beruhigung des ganzen Landes. Anderswo wird über die Qandahaaris gewitzelt und erzählt, sie schössen sich – als Mutprobe - selbst in den Oberschenkel. Qandahaaris folgen einer verpönten Mode indem sie ein Ende des Turbans bis zum Knie hinunterhängen lassen. Der Zollhof von Qandahaar ist knöcheltief mit feinstem auffliegenden Lehmstaub bedeckt. Um einige Unterschriften zu bekommen stehen wir dort einen ganzen Tag herum, ohne zu wissen wozu das nötig ist. Das machen alle so. Muhhammad Hamid kommt bei solchen Gelegenheiten regelmäßig in Wallungen, aber die Beamten lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.
Vom Norden ziehen die Gutschaan (Nomaden) mit hunderten Kamelen und tausenden von Schafen in einzelnen Gruppen langsam in den Süden. Die Frauen sind derart farbenprächtig angezogen, dass sie wie Perlen in der braungrauen Bergsteppe aussehen. Die Zelte aus schwarzen Ziegenhaaren. Ab und zu klare Quellen oder ein Fluss. Wir halten dann für längere Zeit an. Im geringsten fließenden Wasser sehen wir Fische. Auch wenn das Wasser an der Oberfläche gleich wieder zwischen den Steinen fließend verschwindet sind dort Fische und manchmal Krebse. Manchmal so viele Fische, dass wir uns nicht vorstellen konnten, wie sie ihre Nahrung finden. In einem Ort führen Erdstufen etwa 10 m tief hinunter in den Brunnen, doch unten ein starkes fließendes klares Wasser mit Fischen.
Richtung Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, steigt die Landschaft fast immer leicht an, denn Kabul liegt sehr hoch. Die meist fehlende oder von Geschossen zerlöcherte amerikanische Asphaltstraße ist eine neue Version der Geländefahrt. Manche Gebiete mit rot bemalten und andere mit weiß bemalten Steinen gekennzeichnet. Manchmal sind ganze Hügel voll davon. Das sind die Spuren der Entminungsdienste. Brücken mit großen Löchern als Folge von Sprengungen oder sie sind ganz zusammengebrochen, so dass ein steiler Umweg durch das Flussbett notwendig wird.
Ein Autostopper brachte unerfreuliche Nachrichten. Die Amerikaner hätten Raketen auf Jalalabad und Ghost geschossen und auch auf Gebiete im Sudan. Der Zusammenhang blieb uns vorläufig rätselhaft. Es konnte nur gegen Islam gerichtet sein, doch was war der Vorwand? Auf Muhhammad Hamid wartet seine Familie in Jalalabad. Sofort sieht alles anders aus wenn möglicherweise die eigene Familie betroffen ist. In Kabul kam dann die Bestätigung; die Amerikaner hatten viele Raketen geschossen. Ein angeblicher Terrorist hätte die Aktion notwendig gemacht.
Islam ist keine Organisation oder eine
Politik wie das die Professoren der Universitäten darstellen. Islam
gründet nicht auf Rationalität der Sichtbarkeit, wenn auch nichts
dagegen spricht. „....für jene, die an das Unsichtbare glauben...“
Islam beruht auf Glaube und der Liebe zu Muhhammad, der Friede und Segen
Allahs
Im Jahresbericht 1998 von Amnesty International
wird Afghanistan an erster Stelle der Menschenrechtsverletzter geführt.
Insbesondere wegen des Fernsehverbotes und dem Verschleiern der Frauen.
Wenn ich mir eine europäische Frau im Berufsleben vorstelle, wie sie
sich den gefilmten Illusionen ergibt, dann denke ich, besser ohne diesen
Fortschritt; doch ist das nicht zielführend. Auffallend, dass die
große Mehrheit der Muslime glaubt, dass es gutes „islamisches“ Fernsehprogramm
geben könnte. Sind denn nicht alle Fernsehkanäle die Garanten
dafür, dass Islam als Kultur verstanden wird? Dazu gehören auch
die aufgezeichneten ( im Gegensatz zu „live“) Sendungen wie „Stimme des
Islam“ in Österreich. Dekorativ aufgeschlagenes Buch, Plastikpalme,
unechter Turban, der auf der Straße sofort abgesetzt wird, vermischt
mit Rezitation. Eine ethnologische Selbstdarstellung. Kultur wie sie erwartet
wird. Sendungen, in denen der Qur’aan unterrichtet wird dienen vorwiegend
der Rechtfertigung für die Glotze. Wenn auch vereinzelt davon gelernt
wird, so wirken derartige Sendungen doch behindernd bei den Bemühungen
um einen Liveunterricht. Wegzudenken ist Fernsehen nicht mehr solange nicht
die Muslime selbst merken wie schädlich das ist.
Großteile der Außenbezirke von Kabul sind durch den Krieg vollkommen zerstört worden. Nicht einfach zerbombt, sondern gänzlich zerlöchert. Es bleibt unerklärbar wozu ein kaputter Telegraphenmast weiterhin beschossen wird. Keine Fabrik und keine größere Produktionsstätte scheint noch in Betrieb zu sein. Alles verlassen. Nur kleine Fortschritte sind bei Aufräumungsarbeiten festzustellen. Alteisen wird nach Pakistan verkauft. Man sagt, nicht die Russen hätten so viel zerstört, sondern die sogenannten MujahiDiin in ihrem jahrelangen Kampf gegeneinander. Erst die Taliban stoppten diesen Kampf und die Feinde wurden Verbündete. Unsere Reise durch Afghanistan wäre vor der Zeit der Taliban unvorstellbar gewesen. Ein Transport kam bestenfalls mit halber Ladung an. Jede MujahiDiin Gruppe kassierte mit Gewalt an beliebigen Mautstellen. Private Plünderer machten den Rest.
Die Innenstadt von Kabul ist einigermaßen
erhalten geblieben. Die weiße Fahne mit der Aufschrift „laa ilaaha
illa-l-llah Muhammedu-r-rasulu-l-llah“ flattert besonders groß vom
Regierungsgebäude und vermittelt Ordnung. Alles ist ruhig mit Ausnahme
des üblichen Markttreibens. Die Hippies, sowohl als auch die Wodka
Soldaten, welche hintereinander die Szene der Stadt prägten, fehlen;
das Haschischverbot drängt die Konsumenten in den Hinterhof. Wenn
ich mir einen Betrunkenen und einen Berauchten nebeneinander vorstelle
so wirkt der Berauchte dagegen nüchtern. In Östrreich wird Alkohol
noch immer nicht als das Rauschgift, an dem eindeutig die meisten Menschen
sterben erkannt. Keine Europäer in der Stadt außer uns? Botschaften
sind geschlossen; symbolisch gesehen deshalb, weil Alkohol verboten ist.
Die Taliban sind im Alltagsleben kaum merkbar. Ein Nichtmuslim würde
irrtümlich alles was er sieht den Taliban zuschreiben. Keine Sperren
oder Bewacher wie dies von vielen Journalisten immer wieder berichtet wird.
Viele Afghanen sind vor langem ins Ausland geflüchtet. Die Stadt hat
an Bevölkerungsdichte stark abgenommen. Investitionen macht hier niemand.
Wir besuchen das Grab eines Sahaaba (Prophetengefährten), möge
Allah
Zurück in Österreich. Meine Kinder haben den Taschenfernseher der Nachbarn ins Haus geschmuggelt. Im Nachtprogramm: „Nacht über Kabul“. Eine makabre Selbstdarstellung einer österreichischen Jounalistin die sich ihren Schleier ständig auf und ab zieht. Im Hintergrund Afghanistan. Im Vordergrund geht es um sie selbst und ihre Kühnheit beim Filmen. Das Vernünftigste in diesem Film sagte eine Angestellte eines Spitals, welche sich nicht filmen ließ: „...alle schimpfen immer über die Taliban anstelle zu helfen...“ Vielleicht ist diese Aussage aus Ermangelung von Filmmaterial nicht weggeschnitten worden. Die Journalistin unterstellte den Frauen, dass sich diese aus Angst nicht filmen ließen. Die Frauen leiden, wenn sie nicht gefilmt werden. In ihrer Arroganz hat sie dann noch ein paar Taliban mit SofortbildPhotos verführt um zu zeigen wie wenig die Taliban sich selbst an den Islam halten. Der Film hätte lauten müssen: „Meine Geisteskrankheit in Kabul“.
Eine deutsche Straße führt über Serpentinen entlang steiler Felswände tief hinunter in die Schlucht welche kurz nach Kabul plötzlich beginnt. Die Hochebene und ihr angenehmes, trockenes Klima sind damit beendet. Von 2000 Höhenmetern auf einige 100 Meter Seehöhe. Im Dunkel der Nacht erleben wir die Dimensionen dieser Schlucht vor allem durch Geräusche und vereinzelte Lichter der Lastwagen, welche fast senkrecht hunderte Meter tief unter uns herumleuchten. Starke Unwetter hatten die Straße beschädigt und mit Muren überzogen. Auch hier zeigt sich das Wetter abweichend. Im Sommer regnet es nicht in Afghanistan.
Abgesehen von Wasserlacken, Erdhaufen, dem Mittelmeer, Gewehren, Eiscreme, einem Panzer der auf einem Seil über die Felswand hinunterhing und Lastwagentypen, haben unsere Kinder wenig Interesse an den Eigenarten der Natur. Auch nicht für diese Schlucht, in deren Mitte ein Wachtposten mit Blechcontainer und drei Mann installiert sind. Alles rauscht und rinnt. Muslime mit Turban von denen wir uns nur durch das NichtTragen von Kalaschnikows unterscheiden. Steirer die der Sunnah folgen sehen Afghanen recht ähnlich und wir wurden häufig verwechselt. Wir parkten in einer verbreiterten Kurve der Schlucht. Die einsamen Wächter freuten sich über unseren nächtlichen Besuch und wollten sofort zu kochen beginnen. Im Hintergrund tobte der Wildbach, manchmal gemischt mit fernen Motorengeräuschen. Wir packten die Melone aus und aßen. Ohne Melone hätten unsere Gastgeber vielleicht mittels Sprengladung einige Fische aus dem nahen großen Wildbach geholt und gebraten. Es war zu dunkel um den Wildbach gut zu sehen. Es ist dies die einzige Straße vom Osten in Richtung Kabul und die einzige Wache in der Schlucht. Khalid durfte einen Schuss mit der Kalaschnikow abgeben; ein wichtiges Erlebnis. Originale sind das beliebteste Spielzeug und erwachsene Afghanen sind oft wie Kinder. Sie sind stolz auf ihre Gewehre. In Afghanistan dürfe man alles tun sagen unsere jungen Beifahrer. Sie hatten schon vor langem beschlossen in Jalalabad ein Luftdruckgewehr zu kaufen und dann Vögel zu schießen. Ein Mal pro Tag wurde das besprochen. Die Polizei sagt nichts; Kinder dürfen Autofahren. Ein halbes Jahr später, in Österreich, wenn etwas nicht passt, sagt mir Ahmad: „Fahren wir doch nach Afghanistan! Diese blöde Schule; dort muss man nicht in die Schule gehen!“ Laut verhallt der Schuss. Was sich wohl jetzt gerade für Erlebnisse in den Seelen der Wächter abspielen bleibt, wie vieles andere, auf der Geheimnisliste.
Die Raketen trafen in Jalalabad einen menschenleeren Hügel in der Gegend des Wohnhauses in welchem der angebliche Terrorist wohnte. In der Stadt Ghost aber wurden 20 Muslime getötet; nach amerikanischer Darstellung handelte es sich um eine Ausbildungsstätte für Terroristen. Von Aufregung war in Jalalabad nichts zu merken; außer, dass die Einrichtung eines UNO Büros zertrümmert worden war. Die österreichischen Geschenke werden jetzt aus den verstaubten LKWs geräumt; die Kinder der ganzen Strasse versammeln sich; eines schmutziger als das andere. Die letzte Arbeit vor dem Bad. Ein Haushalt nach einer solchen Reise ohne Komfort ist willkommen. Auch die Hunde der Straße versammeln sich vor der Tür und finden vor den Steinwürfen der Kinder unter unseren Lastwagen einen Zufluchtsort. Müsli, Haltbarmilch, Schokolade, usw.. Hamids Kinder sprechen längst Pashtu untereinander und die Eltern verstehen dann nur wenig. Unterricht in der Moschee; ein anderer Lehrer kommt ins Haus. Wenige Kinder nur wissen was eine Schule ist. Es stimmt, es gibt keine Mädchenschulen. Allerdings auch keine Bubenschulen. Es gibt schon lange gar keine Schulen. Kein Geld für Lehrer. Besucher wollen über unsere Reise hören. Internet funktioniert in Afghanistan noch nicht. Wo soll ein Muslim heute leben? Wo seine Kinder erziehen?
Jalalabad bezieht viele Waren aus Pakistan; Mangos und Bananen sind daher zu sehen. Im Vergleich zu Kabul wirkt Jalalabad wohlhabend. Unsere Wege erledigen wir mit dem Fahrrad. Die Märkte sind zum Bersten voll; fast jeder verkauft dieselbe Ware, doch viele sind arm. Die Spuren des Krieges zeigen sich auch in dieser Stadt: nicht viele Zerstörungen durch Bomben, aber die gesamte Infrastruktur ist kaputt. Der Inhalt des Kanalsystems tritt von den Hauswänden auf die Straße; die Gruben sind kaputt und stinken. Khalid ist jetzt wieder mit seinen Brüdern und Schwestern; er ist hier zu Hause und geht mit Ahmad im Fluss baden. Einkaufen ist aber eine der Lieblingsbeschäftigungen.
Im Polizeihauptquartier bemühe ich mich um ein Langzeit Visum für eine eventuelle Wiederkehr. Einmal gerate ich in eine Polizeirunde im Zimmer neben dem Büro. Alle sitzen im Kreis auf dem Boden, trinken Tee und unterhalten sich mit viel Lachen. Hätte ich nicht schon gewusst welcher der Männer der Chef ist, ich hätte es nicht erraten können. Das Adab (Benehmen), welches viele Menschen hier noch haben ist bemerkenswert. Es gibt mehr Respekt vor Bildung als es Bildung gibt. Landwirtschaftssteuer gibt es auf Mohnanbau. Alkohol und Heroin sind verboten. Doch wie könnte das exekutiert werden wenn es keine Einkünfte gibt? Viele der guten Vorhaben wurden nicht verwirklicht, von manchen ist man weit entfernt und das wird sich kaum ändern. Verbote werden sehr individuell erlebt und gelebt. Männer unterdrücken Frauen und Frauen unterdrücken Männer - wie in Europa; das Interface (kulturelle Oberfläche) ist aber extrem unterschiedlich. Weintrauben-Angur- Èinab. Die Feinde der Taliban halten sich jetzt versteckt und schweigen. Die EU druckt Plakate auf denen unter farbenprächtigen Schleiern Frauen unsichtbar unterdrückt sind. Dazwischen ein unverschleiertes, strahlendes Kind, das „noch“ gesehen werden darf bevor es vom gleichen Schicksal ereilt wird. Amerika schickt Raketen. Die meisten Angelegenheiten werden von den Taliban auf bessere Zeiten verschoben.
Beschwerdestellen gibt es nicht. Die Beamten der ausländischen NGOs leben meist in den nobelsten Hotels und verbrauchen ein Vielfaches von dem was sie für die Afghanen installieren. Am Anfang der Kriegswirren lebte ich mit meiner Familie in Peshawar, in Pakistan. Es gab um die siebzig „Non Governmental Organisations“ sprich NGOs und man sah ihre Leiter mit immer eleganteren Geländewagen herumfahren. Es gab viel Geld von überall gegen die Sowjets; die bösen Schorawii. Die NGOs jedenfalls machten in dieser Zeit große Geschäfte. Heute geht das nicht mehr so einfach.
Muhhammad Hamid und Khalid blieben bei ihrer Familie in Jalalabad; Ahmad trennte sich von den 5 Kindern und wir setzten unsere Reise im Taxi fort. Die mitgegebenen Briefe vergesse ich im Auto. Angenehm war das - ohne eigenes Fahrzeug. Exakt ab pakistanischer Grenze grelle Tonbandmusik, Portraits an vielen Wänden, flatternde Frauenhaare auf den Strassen, Bestechung überall, viele Verpackungen, Video bis in die Autobusse hinein und wesentlich öfter hat irgend jemand Eile. Im Zickzack fuhren wir weich gepolstert über den Khaiber Pass der mit seinen Waffenschmieden und Drogenküchen in vielen illustrierten Zeitungen Europas vermarktet wird. Das Rauschgiftkochen erinnert an die Schnapsbrenner in Österreich; zumindet in technischer Hinsicht. Die Ebene gegen das ehemalige Indien zu öffnet sich mehr und mehr. Seit einem halben Jahrhundert gibt es Pakistan. Der Khaiber Pass ist eine staatsfreie Zone, ein Stammesgebiet, welches sich entlang der afghanischen Grenze bis in das südliche Belutschistan erstreckt. Dieses Areal wird von der Regierung immer weiter eingeengt doch ist es bis jetzt polizeifrei geblieben. Gerichtsverhandlungen finden in Pakistan manchmal hintereinander nach dem englischem Gesetz, der Shar’iah und zuletzt nach den Stammesgesetzen statt. Eines der Gesetze wird schon passen. Am Khaiber Pass gibt es aber nur Stammesregeln und ein pakistanischer Soldat begleitet uns im Taxi, damit wir nicht zum Zwecke späterer Erpressung entführt werden. Die Schmuggler mit den Eselkarawanen gehören zum Strassenbild. Ein Turkmene in Peshawar sagte mir einmal: in Pakistan sei die wirkliche Demokratie, jeder darf alles und es gibt alles: Heroin und Heroinverbot, Polizeistrafen und Bestechung, Islam und Kufr, Naan und englisches Brot, usw.
Kurz vor Peshawar liegt die Khanaka des Scheichs Akhund Zada Saifu-r- Rahmaan aus Afghanistan. Ahmad, der sich auf seine erste Flugreise freute, kommentierte unseren Besuch: „so gut wie dort habe ich noch nie geschlafen“. Ein Vergleich zu Österreich ist ausgeschlossen. Die Shar’iah und die Hingabe des Herzens sollten identisch sein. Was für den einen Weiterkommen ist, ist für den anderen Untergang. Islam, Shar’iah, Sunnah, Tariqah sind verschiedene Oberflächen ein und der selben Realität. In Europa und auf den sogenannten islamischen Universitäten hat man die Oberflächen zu unabhängigen Einheiten erklärt. Wer darauf hereinfällt weil er sich mit den persönlichen Fehlern der geistigen Lehrer zu stark beschäftigt, findet kaum mehr zurück. Islam (die Hingabe) oder Religio (die Rückführung) sind dann Worte oder politische Ideen geworden.
Zurück in Österreich erhalte ich einen Brief: „...Ich habe gleich mal begonnen die ersten beiden LKWs abzuladen und für den Verkauf zu richten. Das war bei der Hitze anstrengend, aber nichts im Vergleich dazu, was mir hier in Kabul - von den Zollbehörden - abverlangt wird....“. Ich schrieb zurück: „...gut, dass ich nicht dabei sein musste...“. Die EU steht jenem allerdings kaum nach, denn die griechische Grenzstelle konnte erst durch Interventionen des österreichischen Handelsdeligierten und anderer Organe überzeugt werden, dass unsere Exportpapiere Gültigkeit haben. Die Finazbehörde schrieb: „.....werden direkte Interventionen auf Grund von Einzelfällen bei Zollbehörden der Mitgliedstaaten nicht durchgeführt. Sie werden ersucht, sich wegen der anscheinend beim Grenzzollamt Kiron, Verwaltungsbezirk Kavala, unterbliebenen Austrittsbestätigungen an die griechischen Zollbehörden zu wenden.“ Es hat Monate gebraucht um die Mehrwertsteuer, welche für die exportierten Lastwagen bezahlt wurde, zurückzubekommen und möglich war es nur mit diplomatischer Hilfe. Dort hunderte Unterschriften und Stempel, hier DVR Nummern. Der eine glaubt an die Nummern; der andere eben nicht.
Afghanistan hat Islam nicht realisiert
und es ist leicht, mehr Falsches denn Gutes zu finden. Afghanistan ist
aber die einzige Gegend in der jetzt versucht wird entsprechend der Sunnah
zu leben. Es ist unmöglich die Situation von Afghanistan irgendwohin
zu übertragen. Alle Vergleiche die ich angestellt habe sind nur für
den brauchbar, der verstehen will. Was verstehen will? Die Bestrebungen
Afghanistans ein islamisches Gebiet, ein Emirat, zu sein werden vielleicht
mit seiner Anerkennung als Staat untergraben werden. Ich hoffe es nicht,
aber ich befürchte es. Zu viele Kompromisse werden nötig sein.
Taliban sind keine Politiker. Ich bin mir nicht sicher ob die Taliban dieses
Spiel rechtzeitig durchschauen und auch wenn sie dies tun schauen viele
mit. In Österreich glauben viele Menschen, dass Islam eine anerkannte
Religion sei ohne überhaupt zu wissen, dass Religion und Kultur zwei
unterschiedliche Bewusstseinsstrukturen darstellen; zumindest nach dem
üblichen Sprachgebrauch. Das arabische Wort „din“ bezeichnet Religion
und Kultur noch in einem Wort weil zur Zeit der Offenbarung die Ethnologie,
oder die Betrachtung von Leben als säkularer Wissenschaft noch nicht
etabliert war. Glaube ist Kern der Religion; Religion ist Kern der Kultur;
diese Offensichtlichkeit ist heute zum geheimen Wissen geworden. Die Einordnung
in das Multikulturkonzept (durch professionelle Friedensstifter) ist ein
politisches Ausländerproblem, bei dem verschiedene Arten von Teeküchen
menschlich toleriert werden sollen. So gesehen nett und lobenswert. Nur
die Anerkennung des Islam im Sinne des Glaubens erfolgt einzig durch seine
Annahme im Herzen. Jalaludin Rumi, der „Afghane“, möge Allah
Auch Flugreisen sind anstrengend. Das Essen ist seltsam. Nie esse ich Fruchtsalat zum Frühstück außer im Flugzeug. Niemand kann allen alles recht machen, doch genau dies wird von den Flugzeugköchen versucht. Sophie Babel erklärte mir noch, dass sich die Gelehrten nicht einig wären, ob nur Fische oder alle Seetiere für Muslime zu essen erlaubt seien. Das entscheidende arabische Wort, -ich hab es momentan vergessen.............und meine Gegenrede zu den Äußerungen von Sophie Babel habe ich hier vorerst gänzlich ausgelassen. Meine Nafs ist nicht mit all dem einverstanden was ich da wiedergegeben habe, doch wäre der Bericht jetzt zu lange geworden.
© Muhhammad AbuBakr Mueller 1419 / 1998
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